Mythos-Härtungs-Control · MRIS 2.0 · Wirkt in ISO/IEC 27001 und IT-Grundschutz

MHC-01 Post-Quantum-Strategie und kryptografisches Inventar

Schützt heute abgegriffene, langlebig vertrauliche Daten vor späterer Entschlüsselung („harvest now, decrypt later“) und schafft mit dem kryptografischen Inventar die Grundlage für den geordneten Umstieg auf Post-Quantum-Verfahren.

Auf einen Blick

Operativer Nutzen
Schützt langlebig vertrauliche Daten vor dem Muster „heute abgreifen, später entschlüsseln" und schafft die Fähigkeit, kryptografische Verfahren bei Bedarf zügig auszutauschen.
Betroffene Richtlinie
Kryptografierichtlinie (Verschlüsselung und Schlüsselverwaltung).
Abhängigkeiten
keine Vorbedingung; setzt ein Verständnis der eingesetzten Verschlüsselung voraus (Inventar).
Aufwandstreiber
hängt von der Zahl der Systeme und Datenflüsse mit Verschlüsselung sowie von der Austauschbarkeit der verwendeten Bibliotheken ab. Der konkrete Aufwand richtet sich nach den Ressourcen der Organisation.
Primäre Kennzahl
Anteil der eingesetzten kryptografischen Verfahren, die im zentralen Inventar erfasst und nach Migrationspriorität eingestuft sind.
Berührte Standards (ohne Erfüllungsanspruch)
ISO/IEC 27002 A.8.24; NIST FIPS 203/204/205; BSI TR-02102; C5:2026 CRY-01; EU-Empfehlung zur PQC-Migration.

Control-Statement

Die Organisation führt ein Inventar aller eingesetzten kryptografischen Verfahren und verfolgt eine dokumentierte Strategie, um rechtzeitig auf quantensichere Verfahren umzustellen. Im Übergang werden hybride Verfahren eingesetzt.

Zweck und Bedrohungsbezug

Künftige Quantencomputer werden heute verbreitete Verschlüsselung (etwa RSA und elliptische Kurven) brechen können. Angreifer fangen daher bereits heute verschlüsselte Daten ab, um sie später zu entschlüsseln — das Muster „heute abgreifen, später entschlüsseln". Besonders betroffen sind Daten, die über viele Jahre vertraulich bleiben müssen. AI beschleunigt zudem das Auffinden und Ausnutzen schwacher oder veralteter Krypto-Implementierungen. Das Erntemuster betrifft nicht nur verschlüsselte Daten, sondern auch heute gültige Signaturen: Zertifikate, Code-Signaturen und langlebig signierte Dokumente lassen sich abgreifen und später rückwirkend fälschen oder abstreiten, sobald ein hinreichend leistungsfähiger Quantencomputer verfügbar ist. Während der Umstellung besteht zudem die Gefahr, dass eine hybride Verbindung von einem Angreifer auf ihren rein klassischen Anteil zurückgezwungen wird und dadurch ihre Quantensicherheit verliert. Schutzziel ist, langlebig vertrauliche Daten rechtzeitig auf quantensichere Verfahren umzustellen und die Fähigkeit zu schaffen, Verfahren bei Bedarf zügig zu wechseln.

Wirkung in den Regelwerken

Auf diese Controls und Anforderungen wirkt das MHC. Die Einstufung zeigt, wie stark das jeweilige Control unter KI-gestützten Angriffen an Wirkung verliert.

Wirkung in den Regelwerken
NummerTitelEinstufung / Stufe
ISO/IEC 27001:2022, Annex A 1 Controls
A.8.24Verwendung von Kryptographiestandfest
IT-Grundschutz, MRIS.bd 1 Anforderungen
MRIS.bd.1.A5Erstellung eines kryptografischen Inventars und einer Post-Quantum-MigrationsstrategieBasis

Alle 93 Controls in der Analysematrix · Alle 23 Anforderungen der Bausteinfamilie

Reifegrad-Pfad

Initial
kryptografisches Inventar dokumentiert.
Defined
Migrationsstrategie verabschiedet; hybride Verfahren in einem Pilotbereich erprobt.
Managed
hybride bzw. quantensichere Verfahren produktiv im Einsatz; jährliche Überprüfung automatisiert.

Messung und Audit-Nachweis

Kennzahl
Anteil der eingesetzten Verfahren, die im Inventar erfasst und nach Migrationspriorität eingestuft sind (Zielwert: vollständige Erfassung der schützenswerten Bereiche).
Nachweis
Krypto-Inventar, Migrationsstrategie mit Auslösern und Zeitplan, Pilot- und Produktivnachweise hybrider Verfahren.
Nachweislogik (in Anlehnung an ISO/IEC 27001, Clause 9)
dokumentiert? — Inventar und Strategie; verantwortlich? — benannte Stelle; Häufigkeit? — jährliche oder anlassbezogene Überprüfung; Toleranz? — keine langlebig vertraulichen Daten ohne Migrationsplan.

Typische Fehler

  • Es wird eine Strategie formuliert, ohne dass ein vollständiges Inventar vorliegt — die wichtigsten Stellen bleiben unbekannt.
  • Hybride Verfahren werden flächendeckend eingeführt, ohne nach Vertraulichkeitsdauer zu priorisieren — viel Aufwand ohne erkennbaren Nutzenschwerpunkt.
  • Verschlüsselung ist fest im Code verankert, sodass ein späterer Wechsel des Verfahrens jeweils Eingriffe in die Anwendung erfordert.
  • Die Umstellung wird allein als Zukunftsthema behandelt, obwohl der Datenabfluss von heute bereits das morgige Risiko bestimmt.
  • PQC wird auf abgeleiteten Ebenen eingeführt, während die Wurzel der Schlüsselhierarchie (Master-Schlüssel, Stamm-CA) klassisch bleibt — der ungeschützte Trust-Anchor macht die darunterliegenden Maßnahmen wirkungslos.

Abgrenzung und Restrisiko

Abgrenzung
betrifft die eingesetzte Kryptografie einschließlich der PQC-spezifischen Migrationsreihenfolge in der Schlüsselhierarchie und der Downgrade-Resistenz hybrider Aushandlung; die routinemäßige Schlüsselverwaltung (Erzeugung, Rotation, Aufbewahrung) bleibt Teil der allgemeinen Kryptografie-Praxis (A.8.24).
Restrisiko
solange klassische Verfahren parallel laufen, bleibt das Risiko, dass bereits abgeflossene Daten später entschlüsselt werden; quantensichere Verfahren sind zudem vergleichsweise jung und werden weiter beobachtet.
ISO/IEC 27002:2022
A.8.24 Verwendung von Kryptographie.
Framework
NIST FIPS 203 (ML-KEM), FIPS 204 (ML-DSA), FIPS 205 (SLH-DSA); NIST SP 1800-38 (Migrationsleitfaden, NCCoE); BSI TR-02102; C5:2026 CRY-01; EU-Empfehlung zur koordinierten PQC-Migration.
Vertiefung Schlüsselmanagement
Cloud Security Alliance, Cloud Key Management Working Group – Post-Quantum Cryptography Key Management (Entwurf, August 2026).

Umsetzung im Detail

Organisatorische und technische Umsetzung, Umsetzungsbeispiele und die Priorisierung im Gesamtprogramm beschreibt der Implementation Guide.

Implementation Guide (PDF)Zum MHC-Katalog

Quelle: MRIS Implementation Guide (ISO/IEC 27001), Fassung 2.0. Lizenz CC BY-SA 4.0. © 2026 Richard Peddi.